Update Humanismusforschung – Perspektiven einer eingreifenden Wissenschaft

Termin: 21. April 2017 - 17:30 bis 22. April 2017 - 13:15 Uhr
Veranstaltungstyp: Tagung
Veranstaltungsort: Humanistische Akademie Berlin-Brandenburg, Brückenstr. 5A, 10179 Berlin
Kooperationspartner*innen: in Kooperation mit der Humanistischen Akademie Deutschland, gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Bundeszentrale für politische Bildung
Referenten*innen: 
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Update Humanismusforschung – Perspektiven einer eingreifenden Wissenschaft

Eine Fachtagung der Humanistischen Akademie - Tagungsbericht

Humanismusforschung ist nicht nur der Blick in die Vergangenheit einer geschichtlichen Tradition. Angesichts der politischen und sozialen Krisen der Gegenwart bedarf es einer Verknüpfung historischer Forschung mit aktuellen Problemlagen – einer Humanistik. Welche Beiträge leistet heute ein angeeignetes Erbe des Humanismus zur Lebensorientierung der Einzelnen und zum Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften? Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden berichteten am 21. und 22. April 2017 in der Humanistischen Akademie vom Stand und den Perspektiven einer modernen Humanistik und diskutierten mit 30 interessierten Gästen.

Humanistik statt „Wissenschaftlicher Atheismus“ 

Der Religionswissenschaftler Horst Junginger, Privatdozent an der Universität Tübingen, bereitete in seinem Vortrag Vom wissenschaftlichen Atheismus zur wissenschaftlichen Humanistik? Weltanschauung und Wissenschaft im akademischen Kontext darauf vor, dass politische Bemühungen um die Einrichtung einer wissenschaftlichen Humanistik damit rechnen müssen, von politischen Gegnern in die Ecke des „Wissenschaftlichen Atheismus“ der DDR gestellt zu werden. Dieser sei zwar noch unzureichend erforscht, doch bestünden keine Zweifel an seiner unzureichenden Wissenschaftlichkeit und ideologischen Kontamination. Daher sei er ungeeignet als Traditionsbezug für eine moderne Humanistik.

Humanistik – so der Redner – ist aber durchaus eine eingreifende und angewandte Wissenschaft, denn Humanismus hat konstitutiv politische und praktische Relevanz. Humanistik bildet humanistische Praktiker und Praktikerinnen aus und nimmt Bezug auf gesellschaftspolitische Debatten und Problemlagen. Es komme darauf an, zu klären, warum und wie sie eingreife, bei steter Gewährleistung der Freiheit wissenschaftlicher Forschung. Angesichts des Pluralismus von Religionen und Weltanschauungen in der deutschen Bevölkerung komme der Einrichtung eines Lehrstuhls für Humanistik eine wichtige politische Bedeutung zu. Die Gleichbehandlung der „juristischen Zwillinge“ Religion und Weltanschauung sei juristisch genauso geboten wie die staatliche „Äquidistanz“ zu beiden. Es wäre „töricht“, wenn humanistische Organisationen sich nicht mit der Forderung nach Gleichbehandlung in die Berliner Debatte um eine „Fakultät der Theologien“ einbringen würden, nur weil ihnen die „innere Spannung“ von „Gleichbehandlung“ einerseits und „Trennung von Staat und Kirche“ andererseits nicht behage.

Einigen Widerspruch erntete Junginger für seine pointierte Kritik an humanistischen Versuchen, Religion und ihre Funktionen zu imitieren, wie es zum Beispiel die Sunday Essemblys machten. Auch die Debatte um eine mögliche „atheistische Spiritualität“ verlief kontrovers. Der Redner plädierte für eine konsequente Aufgabe der Religionsorientierung des Humanismus und einen Fokus auf praktische Lebensgestaltung und soziale Vergemeinschaftung. Konsens bestand in der Diskussion darüber, dass Humanismus kein Ersatz für Transzendenzbezüge darstelle, die meisten Diskussionsteilnehmer beharrten darüber hinaus aber auch auf dessen Potential, existenziellen Sinn stiften und Trost spenden zu können.

Pluralität, Interkulturalität und Globalität

Der zweite Redner des Abends, Frieder O. Wolf, Honorarprofessor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und Präsident der Humanistischen Akademie, schloss sich in seinem Beitrag Eine Humanistik für Berlin? Konzept, Forschungsbereiche, Studiengänge der politischen Forderung der Einrichtung eines Lehrstuhls für Humanistik an. Der konzeptionellen Problematik, Wissenschaft und Weltanschauung miteinander vereinbaren zu wollen, begegnete er mit der Unterscheidung von a) Humanismusforschung (interdisziplinäre universitäre Forschung), b) Humanistik (wissenschaftliche, auf die Praxis des weltanschaulichen Humanismus und die Humanismusforschung bezogene Ausbildung und Forschung), c) Humanistische Studien (weltanschaulich gebundene interne Aus- und Weiterbildung).

Wolf sprach sich zum einen für eine deutliche Erweiterung der Humanismusforschung aus: Der europäische Humanismus des 17./ 18./ 19.  und 20. Jahrhunderts sei genauso ein vernachlässigtes Forschungsthema wie der außereuropäische Humanismus und der Alltags- bzw. Popularhumanismus. Zum zweiten aber gehe es in einer zukünftigen Humanistik nicht nur um eine historische Verbreiterung sondern vor allem auch um die Verbindung des historischen Erbes mit zeitgenössischen Krisenphänomenen. In Ausbildung und Forschung seien insbesondere die dort jetzt schon integrierten Themen Pluralität, Interkulturalität und Globalität weiter zu intensivieren.

Gesundheit und Humanismus

Eine moderne Humanistik muss hellhörig sein für aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse und ihre Auswirkungen. Die massiven öffentlichen Gesundheitsdiskurse in Deutschland, changierend zwischen mehr oder minder subtilen Eingriffen in individuelle Freiheiten einerseits und der Aussicht auf gesteigerte Lebensmöglichkeiten andererseits, provozieren geradezu die Frage nach einer humanistischen Gesundheitsethik und -politik.

Eberhard Göpel, emeritierter Professor für Gesundheitsförderung an der Hochschule Magdeburg Stendal und Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, plädierte in seinem engagierten Vortrag Humanismus und Gesundheit für ein stärker ganzheitliches Verständnis vom Menschen, ein weniger technisch-instrumentelles Verständnis von Körperlichkeit und Gesundheit als es auch im tradierten europäischen Humanismus üblich sei.

Dabei warnte er insbesondere vor einer zu starken Betonung von Wissenschaft: Diese sei für das menschliche Leben nicht so zentral wie oftmals angenommen. Mit Descartes habe zudem ein rationalistischer Irrweg angefangen, der dazu tendiere, aus Wissenschaft eine Institution der organisierten Besserwisserei zu machen, wodurch der Bezug zum wirklichen sozialen Leben der Menschen verloren ginge. In Abgrenzung von transhumanistischen Vorstellungen vom „ewigen Leben“, die sich bestens zu vertragen scheinen mit medialen und ökonomischen Verlockungsangeboten, bezeichnete Göpel die Sterblichkeit als ein doch beruhigendes Phänomen. Interessant sicherlich die Frage, wie sich das wiederum mit dem von ihm stark betonten vitalen Lebensimpuls verträgt.

Der Referent sparte nicht mit Kritik an der Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Gesundheitswirtschaft, die viele Erkrankungen sowie den nur symptomatischen Umgang mit diesen erst hervorbrächten. „Wir sitzen den ganzen vor dem Bildschirm und müssen dann in unserer Freizeit auch noch ins Fitnessstudio.“ Er äußerte die Ansicht, dass das technische Verhältnis zum eigenen Körper bei Männern in der Regel deutlich ausgeprägter sei als bei Frauen. Insgesamt ließ es sich als Zuhörer wie auch als Zuhörerin während des Vortrages kaum vermeiden, über den Zustand der eigenen Lebendigkeit nachzudenken.

In einer humanistischen Gesundheitsethik und -politik wären ergänzend zur Stoßrichtung des Vortrags sicherlich auch die unbestreitbaren Positiva medizinisch-technischen Fortschritts zu integrieren. In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass Göpel sich auch nicht prinzipiell gegen Wissenschaft stellt, sondern für eine andere Wissenschaft eintritt, mit mehr Nähe zum Individuum und weniger Reduktion der wissenschaftlichen Arbeit auf eine Subjekt-Objekt-Perspektive.

Forschung und Lehre der Humanistik in den Niederlanden

Den Ausblick in die europäische Nachbarschaft begann Caroline Suransky von der Universität für Humanistik in Utrecht, die dort am Lehrstuhl für „Globalisierung und Dialogstudien“ forscht und ausbildet. Seit 1989 erhält die Utrechter Universität analog zur katholischen und evangelischen Theologie staatliche Unterstützung und steht damit – gemeinsam mit Flandern/Belgien – einzigartig in Europa dar. Forschung und Lehre sind eingebettet in ein breites soziales Netzwerk niederländischer humanistischer Organisationen, gleichwohl verstehen sich die Forscher und Ausbilder in ihrer Arbeit als unabhängig von diesem Feld.

Die Humanistik in den Niederlanden ziele – so die Rednerin – im Wesentlichen ab auf zum einen Sinngebung (existenzielle Fragen) und zum anderen Humanisierung der Gesellschaft. Sie betonte den Unterschied zu den „humanities“: Humanistik sei inspiriert von humanistischen Werten: Menschliche Würde, Gerechtigkeit und Freiheit. In multi- und interdisziplinärer Absicht verbinde sie Kenntnisse und Traditionen der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaften, Religions- und Kulturwissenschaften, Wissenschaftstheorie und Methodologie.

Die aktuellen Utrechter Forschungsbereiche und -themen illustrieren die vielfältige gesellschaftspolitische Relevanz von Humanistik:
1) Humanismus und Philosophie: Gut altern – Altenpflege – Resilienz
2) Bürgerschaft und Humanisierung des öffentlichen Bereichs: Restrukturierung des Wohlfahrtsstaates
3) Erziehung/Bildung: Identitätsentwicklung und kritisch-demokratische Bürgerschaft
4) Care-Ethik – Palliative Pflege: Kritische Einblicke in gute Pflege
5) Globalisierung und Dialogstudien: Humanistische Beratung, Säkularisierung, Gerechtigkeit, Erbschaften des Kolonialismus
6) Forschungsmethodik und Wissenschaftstheorie: Auftragsforschung, z.B. für Pflegeorganisationen
Die Studierenden können in Utrecht einen Bachelor- und einen Master-Studiengang sowie ein Promotionsprogramm absolvieren.

In der Debatte auf dem Podium wurde eine charakteristische Differenz deutlich: Während für den organisierten Humanismus in den Niederlanden eher ein Verständnis von Humanismus als partikularer Weltanschauung leitend zu sein scheint, liegt der Akzent der Humanistik eher auf einem allgemeinen Humanismus im Sinne einer gemeinsamen menschlichen Identität. Womöglich wird eine solche Differenz auch für die Entwicklung der Humanistik in Deutschland von Bedeutung sein, wenngleich auf der Hand liegt, dass beide Akzentuierungen Teil eines modernen Verständnisses von Humanismus sein müssen: weltanschaulich und universell. Tröstend war für all diejenigen, die angesichts der vielen ungeklärten und strittigen Fragen zu Wissenschaft und Weltanschauung leichte Resignation befiel, die Bemerkung von Suransky, dass diese auch mit der Etablierung einer Universität nicht ein für alle Mal geklärt sondern eben Bestandteil von Humanistik seien.

Humanistische Forschung und Lehre in Flandern

Gily Coene von der Vrije Universiteit Brussel (einer niederländischsprachigen Abspaltung der Université Libre de Bruxelles) erinnerte zunächst an den akademischen Ausgangspunkt der heutigen Humanistik in Belgien: die Einrichtung des Studiengangs „Moralweetenshappen“ (Moralwissenschaften) im Sinne einer allgemeinen „Wissenschaft von der Ethik“ in den 1960er Jahren. Aus Sicht ihrer Gründer geht es in diesem Fach nicht nur um die berufsbezogene Vermittlung wissenschaftlich fundierter Kenntnisse sondern auch um ein breites gesellschaftliches Projekt: eine emanzipatorische Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse. Der 2006 an der Vrije Universiteit Brussel (einer niederländischsprachigen Abspaltung der Université Libre de Bruxelles) eingerichtete, staatlich finanzierte und von der Rednerin bekleidete Lehrstuhl für Humanistik führte diesen Ansatz bis 2014 fort.

Aktuell ist die humanistische Grundlagen- wie auch die angewandte Forschung in Flandern lokalisiert am Centre for Ethics and Humanism (Zentrum für Ethik und Humanismus) und am Expertisecentrum Gender, Diversiteit & Intersectionaliteit (Zentrum für Fachkompetenz in Gender, Diversität und Intersektionalität). An der Vrije Universiteit Brussel  bzw. der Universität Gent gibt es Bachelor- und Master-Studiengänge für humanistische Praktiker und Praktikerinnen (Lehrkräfte, humanistische Berater und Beraterinnen).

Coene umriss abschließend Elemente eines „Humanismus nach dem Posthumanismus“. Im Zentrum stehe die Notwendigkeit, eine „Politik der Gleichheit“ (Anne Phillips) konzeptionell und praktisch mit einer Wertschätzung von Differenzen (Gender, Sexualität, Religion, Ethnizität, Kultur) zu verbinden, eingedenk tradierter Formen von Humanismus, die oftmals dem Besonderen nicht gerecht zu werden vermochten und exkludierende Tendenzen hatten. „Menschsein“ sei weder „Essenz noch Abstraktion“, nicht trennbar von dem jeweiligen persönlichen Identitätsmix: Mensch sein gerade als Frau, Mann, Afrikaner, Deutscher, Homosexueller usw..

Fazit – Humanitäre Praxis, Wissenschaft, Weltanschauung

Vorträge wie Diskussionen haben – teils implizit, teils explizit – die besondere gesellschaftspolitische Relevanz von Humanistik verdeutlicht: Sie verbindet wissenschaftliche Forschung und Berufsausbildung mit der Bildung von Menschen zu kritischen, freien, verantwortungsvollen, toleranten Weltbürgern und -bürgerinnen. Humanistik engagiert sich – nicht nur in Zeiten religiöser Fundamentalismen und autoritärer Tendenzen – für Menschenrechte, Demokratie und eine Humanisierung menschlicher Lebensverhältnisse.

Eine moderne Humanistik in Deutschland ist in Forschung und Ausbildung bezogen auf die Theorie und Praxis des Humanismus als Weltanschauung. Dabei verfährt sie wissenschaftlich und vermeidet ideologische „Wahrheitsfilter“, indem sie
(1) anknüpft an die gegebene humanistische Praxis (Tätigkeits- und Berufsfelder humanistischer Organisationen, Alltags- oder Popularhumanismus);
(2) die dieser Praxis zugehörigen Tätigkeiten und weltanschaulichen Vorstellungen thematisiert bzw. explizit macht und wissenschaftlich geleitet reflektiert (rationale Deliberation, empirische Untersuchungen);
dabei (3) zurückgreift auf die wissenschaftliche Humanismusforschung und selbst Forschungsthemen bearbeitet.

Dabei bleibt sie weltanschaulich bezogen, jedoch nicht bezogen auf eine dogmatische Weltanschauung mit feststehenden und unveränderlichen Kenntnissen, sondern bezogen auf ein zentrales Ziel: Durch die Weiterentwicklung und Verbreiterung humanitärer Praxis die Humanisierung der Gesellschaft voran zu treiben bzw. zumindest die erreichten Standards zu verteidigen und zu erhalten.

Es ist erfreulich, dass im Kontext der Berliner Diskussion um die Einrichtung einer gemeinsamen „Fakultät der Theologien“ an der Humboldt-Universität zuletzt von politischer Seite auch die Beteiligung humanistischer Weltanschauungsgemeinschaften angeregt worden ist. Die Tagung der Humanistischen Akademie hat gezeigt, dass die notwendigen Grundlagen dafür vorhanden sind, und sie hat wichtige Aufschlüsse über konzeptionelle Fragen gebracht.

Ralf Schöppner

 


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